Im Interview mit Yuh: Raus aus dem System, rein in die Vision einer regenerativeren Arbeitswelt
- Anne Koch

- 30. März
- 4 Min. Lesezeit
Im Interview mit der Schweizer Banking App Yuh durfte ich über ein Thema sprechen, das mich seit Langem bewegt: die Vision einer regenerativeren Arbeitswelt.
Einer Arbeitswelt, in der Menschen nicht nur funktionieren, sondern wachsen dürfen. In der Organisationen nicht nur auf Effizienz und Leistung schauen, sondern auch auf Potenzialentfaltung, Lernen, Vertrauen und persönliche Entwicklung. Und in der Arbeit wieder stärker mit Sinn, Lebendigkeit und echter Wirksamkeit verbunden ist.
Denn genau darin liegt für mich eine der zentralen Fragen unserer Zeit: Wie gestalten wir Arbeit so, dass sie nicht erschöpft, sondern stärkt? Nicht klein macht, sondern Entwicklung ermöglicht? Nicht nur Ergebnisse produziert, sondern auch Menschen und Systeme in ihre Kraft bringt?
Hier ein paar Auszüge aus den Inhalten des Interviews:
Der Mut, Systeme zu hinterfragen
Viele Organisationen spüren heute, dass die bisherigen Antworten nicht mehr ausreichen. Die Komplexität nimmt zu, Veränderungen passieren schneller, Gewissheiten bröckeln. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen der Wunsch nach mehr Sinn, mehr Beteiligung und mehr Stimmigkeit im eigenen Arbeiten.
Das stellt Organisationen vor eine wichtige Aufgabe: nicht nur an Symptomen zu arbeiten, sondern an den zugrunde liegenden Strukturen, Denkweisen und Mustern.
Dafür braucht es Mut. Mut, eingefahrene Routinen zu hinterfragen. Mut, Kontrolle nicht mit Führung zu verwechseln. Mut, auch unbequeme Fragen zuzulassen. Und Mut, Entwicklung nicht als Risiko, sondern als Chance zu begreifen.
Gerade in Transformationsprozessen zeigt sich, ob Organisationen wirklich bereit sind, neue Wege zu gehen — oder ob sie versuchen, mit alten Logiken eine neue Welt zu gestalten.
Future Skills und nachhaltiges Lernen als Schlüssel
Wenn wir zukunftsfähige Organisationen aufbauen wollen, reicht Fachwissen allein nicht aus. Es braucht Fähigkeiten, die Menschen befähigen, mit Unsicherheit, Veränderung und Komplexität konstruktiv umzugehen.
Dazu gehören für mich zum Beispiel:
Reflexionsfähigkeit
Selbstführung
Lernkompetenz
Perspektivwechsel
Zusammenarbeit über Silos hinweg
Umgang mit Unsicherheit
Empathie und Beziehungsfähigkeit
Verantwortungsbewusstes Handeln
Diese Future Skills entstehen jedoch nicht durch einmalige Trainings oder durch das reine Vermitteln von Wissen. Sie wachsen dort, wo Lernen nachhaltig gedacht wird: eingebettet in den Arbeitsalltag, verbunden mit echter Erfahrung, Reflexion und Anwendung.
Nachhaltiges Lernen heißt für mich deshalb auch, Lernräume zu schaffen, in denen Menschen nicht nur Inhalte konsumieren, sondern sich wirklich weiterentwickeln können. Räume, in denen Ausprobieren erlaubt ist. Räume, in denen man Fragen stellen darf. Räume, in denen Entwicklung nicht bewertet, sondern begleitet wird.
New Work ist mehr als flexible Arbeitszeiten
Wenn wir über New Work sprechen, geht es oft zuerst um sichtbare Veränderungen: hybrides Arbeiten, neue Büroformen, agile Methoden oder mehr Selbstorganisation. All das kann sinnvoll sein. Aber echter Wandel geht tiefer.
New Work bedeutet für mich vor allem, die grundlegenden Annahmen über Arbeit zu hinterfragen. Wie führen wir? Wie lernen wir? Wie treffen wir Entscheidungen? Wie viel Vertrauen geben wir Menschen? Und welches Menschenbild prägt eigentlich unsere Organisationen?
Kulturwandel entsteht nicht durch Schlagworte oder einzelne Maßnahmen. Er beginnt dort, wo Organisationen den Mut haben, ihre bestehenden Systeme ehrlich anzuschauen — und zu prüfen, ob diese wirklich noch zu der Zukunft passen, die sie gestalten wollen.
Führung braucht psychologische Sicherheit, Vertrauen und echte Beziehung
Ein besonders zentraler Hebel für Kulturwandel ist aus meiner Sicht Führung.
Denn Führung prägt den Raum, in dem Menschen sich zeigen, lernen und wachsen können — oder eben nicht. Wenn Mitarbeitende ständig das Gefühl haben, sich beweisen zu müssen, Fehler vermeiden zu müssen oder mit ihren Fragen und Unsicherheiten nicht willkommen zu sein, wird Potenzial schnell blockiert.
Deshalb sind psychologische Sicherheit und Vertrauen keine weichen Wohlfühlthemen, sondern zentrale Voraussetzungen für Innovation, Zusammenarbeit und Entwicklung.
Psychologische Sicherheit bedeutet, dass Menschen den Eindruck haben: Ich darf mich äußern. Ich darf Zweifel haben. Ich darf eine andere Perspektive einbringen. Ich darf Fehler zugeben. Ich darf lernen.
Vertrauen wiederum entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Haltung und Verhalten: durch Zuhören, Klarheit, Verlässlichkeit, Beziehung und die Bereitschaft, Menschen wirklich etwas zuzutrauen.
Führung in einer regenerativen Arbeitswelt heißt deshalb nicht, auf alles eine Antwort zu haben. Es heißt vielmehr, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen in ihre Stärke kommen können.
Sinn, Ikigai und persönliche Entwicklung gehören in die Arbeitswelt
Viele Menschen stellen sich heute bewusster die Frage: Wofür tue ich eigentlich, was ich tue? Was ist mir wichtig? Was gibt mir Energie? Wo kann ich mit dem, was ich gut kann und was mich bewegt, einen echten Beitrag leisten?
Diese Fragen nach Sinn und Ausrichtung sind kein Randthema. Sie sind ein Ausdruck davon, dass Arbeit für viele längst mehr ist als reine Erwerbstätigkeit. Menschen wollen nicht nur beschäftigt sein — sie wollen erleben, dass das eigene Tun Bedeutung hat.
Konzepte wie Ikigai greifen genau diesen Wunsch auf: die Verbindung von dem, was wir lieben, was wir gut können, was gebraucht wird und wofür wir Verantwortung übernehmen möchten.
Für Organisationen liegt darin eine große Chance. Dort, wo Menschen ihr Potenzial besser kennen, ihre Stärken sinnvoll einbringen können und Entwicklung als Teil ihrer Arbeit erleben, entstehen häufig mehr Motivation, mehr Verbundenheit und mehr echte Wirksamkeit.
Regeneration als Perspektive für die Zukunft der Arbeit
Der Begriff Regeneration geht für mich noch einen Schritt weiter als klassische Nachhaltigkeit. Es geht nicht nur darum, Schaden zu reduzieren oder Belastungen besser zu managen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen, Teams und Organisationen wieder in Balance kommen, wachsen und Zukunft aktiv gestalten können.
Eine regenerative Arbeitswelt fragt deshalb nicht nur: Wie bleiben wir leistungsfähig? Sondern auch: Wie bleiben wir lebendig? Wie fördern wir Entwicklung? Wie stärken wir Beziehungen, Lernen und Vertrauen? Und wie gestalten wir Systeme, die nicht auf Dauer auslaugen, sondern neue Energie ermöglichen?
Diese Perspektive braucht es heute dringender denn je.
Was mich antreibt
Dass ich über diese Themen im Interview mit Yuh sprechen durfte, hat mich sehr gefreut — weil sie genau den Kern meiner Arbeit bei Twins for Change berühren.
Mich beschäftigt die Frage, wie wir Arbeitswelten gestalten können, die Zukunft nicht nur aushalten, sondern aktiv und menschlich mitprägen. Arbeitswelten, in denen Entwicklung möglich ist. In denen Menschen sich nicht zwischen Leistung und Menschlichkeit entscheiden müssen. Und in denen Organisationen erkennen, dass Vertrauen, Lernen und Potenzialentfaltung keine „Extras“ sind, sondern entscheidende Grundlagen für nachhaltigen Erfolg.
Ich bin überzeugt: Die Arbeitswelt der Zukunft braucht nicht einfach mehr Tools, mehr Tempo oder mehr Optimierung. Sie braucht mehr Bewusstsein, mehr Mut und mehr Räume für echte Entwicklung.

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